Eine starke Frau

,

Ein Text, einfach mal zum nachdenken über das, was scheinbar sein muss und eigentlich gar nicht ist.

Ein Text, über eine Struktur, aus der wir ausbrechen möchten ohne es wirklich zu schaffen. Mit der Frage – Warum. Warum schaffen wir es nicht auszubrechen? Warum scheint es in unserer Gesellschaft schwach zu sein Gefühle zu leben und zu zeigen?

Renate, Du bist eine starke Frau…“ Wie oft habe ich diese Worte schon gehört. Ich habe sie ausgerechnet immer dann gehört, wenn ich mich überhaupt nicht stark gefühlt habe, sondern schwach. Wenn ich mich am liebsten ins Bett verkrochen und die Kissen gekuschelt hätte. Augen schließen, schlafen, träumen und erst dann wieder aufwachen, wenn alles wieder gut ist. Wenn alles wieder einigermaßen so läuft, wie ich es gern hätte. Wenn alle Stolpersteine und sonstige Widrigkeiten aus dem Weg geräumt sind.


Babys dürfen weinen, wenn sie unzufrieden oder unglücklich sind. Wir Erwachsene dürfen das nicht. Denn tun wir das, werden wir als Schwächlinge abgestempelt. Und wer will schon was mit einem Schwächling zu tun haben.

„Renate, du bist eine starke Frau … du schaffst das schon.“ Das ist der komplette Satz.

Und ich frage mich, was damit gemeint ist. Was schaffe ich denn, nach Meinung meines Gegenübers? Ich weiß es nicht. Ich vermute allerdings, dass hinter diesem Satz auch kein aufmunternder Trost steckt, sondern die verkappte Aussage „lass mich in Ruhe mit deinem Problem…“

Wenn ich mich mal nicht gut, sondern schwach fühle. Wenn ich mich über etwas ärgere, wenn ich mich überfordert fühle, wenn ich traurig bin, wenn ich nicht weiter weiß … was soll ich denn dann um Gottes Willen machen? So tun, als könne ich die Welt aus den Angeln heben? So tun, als ob mir nichts aber auch gar nichts die Laune verhageln könne. Lachen, wenn mir nach Weinen zumute ist? Optimismus versprühen, wenn mir das Dach auf den Kopf fällt? Die Souveräne spielen, wenn ich am Verzweifeln bin?

Was ist das denn überhaupt, eine „starke Frau“?

Ein starker Mann ist ein Mann, der über hohe körperliche Kraft verfügt. Ein Schwarzenegger, ein „Seewolf“ oder sonst ein muskelbepackter männlicher Zeitgenosse. Aber was ist eine starke Frau? Auf alle Fälle keine mit Muskelpaketen.

„Heulsuse“ hat mein Vater mich früher genannt, weil er mit meinen Tränen nicht umgehen konnte. Aber mit diesem Begriff kann ich mich eher identifizieren. Ja, ich bin zwar keine Jammerliese aber eine Heulsuse. Denn heutzutage weine ich wieder. Ich kompensiere meine Gefühle nicht mehr mit Worten, sondern weine, wenn ich mich schwach fühle. Ich weine dann, wenn ich mich überfordert fühle und ich weine dann, wenn ich meine gut versteckten Ängste spüre. Manchmal weine ich einfach nur so  – ohne dass ich konkret sagen kann, warum. Mir kommen die Tränen, wenn ich eine schöne Musik höre, und bei ganz bestimmten Filmen schluchze ich gerührt vor mich hin. Und ich habe auch keinerlei Probleme mehr damit, Tränen öffentlich zu zeigen. Ich habe sogar schon in Gegenwart einer Kundin Tränen vergossen – weil ein privates Thema auf den Tisch kam, das mir nahe ging.

Nein, ich bin keine starke Frau.

Ob man es als stark oder schwach bezeichnet ist irrelevant, eines bist Du ganz sicher – gefühlvoll und das darfst Du mit Stolz sein.

Vielen Dank liebe Renate Blaes für diesen schönen, gefühlvollen Text.

Bitte bewerte diesen Artikel:
    [Gesamt: 0 | Durchschnitt: 0]
7 Kommentare
  1. Peter says:

    kann mir mal jemand erklären, warum Frauen auch noch glauben stark sein zu müssen?
    Meiner Meinung nach dürfen Frauen sehr wohl auch schwach sein und weinen gehört sicher mit dazu. Ich denke es kommt immer auf die richtige Mischung an. Nur schwach ist nicht lebensfähig. Immer stark ist nicht realsierbar und auch nicht erwünscht.
    Aber auch Männer dürfen schwäche zeigen, oder?
    Das nur mal am Rande als Anmerkung.

    Antworten
  2. Anna says:

    Hallo Renate – danke für diese Worte, du sprichst mir aus dem Leben. Ich war auch jahrelang „DIE“ starke Frau und nach unzähligen Schicksalsschlägen mochte ich es einfach nicht mehr sein.
    Ich kann das alles nachvollziehen und ich bin überzeugt davon – dass wir wesentlich besser rüberkommen – wenn wir selbst zu uns stehen und einfach auch mal „schwach sein“ dürfen.

    Ich möchte nicht mehr zurück… Liebe Grüße Anna

    Antworten
  3. Sabina Boddem says:

    Ein sehr einfühlsamer und nachemfindbarer Text! Herzlichen Dank dafür!

    Für mich bedeutet stark sein, authentisch zu sein und zu bleiben, egal, was andere meinen oder denken. Zu mir selbst stehen, als Individuum mit Gefühlen und Eingenschaften, Ansichten und Lebensweisen, die zu mir gehören … Natürlich meine ich jetzt nicht Verhaltensweisen oder grobe Grenzüberschreitungen anderer, die anderen schaden könnten. Ich denke eher an die Frau in mir, die lebendig ist mit Licht- und Schattenseiten, die sich mal bunt und mal grau fühlt und, die sein kann wie ein Kind und nah am Wasser gebaut hat und …

    ICH BIN

    nicht einfach,
    sondern habe viele Fächer.

    Ich bin nicht in eine Schublade zu pressen,
    eher in sieben:
    Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo, Violett …

    Das alles ist in mir.

    Diese Farbenpracht

    zu erleben und zuzulassen
    ist nicht immer einfach,
    auch nicht für mich….

    Ich lerne mein Leben lang,
    lebendig zu bleiben,

    wenn das Grau sich auch in mir mal ausbreitet,
    es zuzulassen und

    lieben zu lernen.

    Dann löst sich der Schatten vom Licht
    und gibt alle Farben wieder frei.

    Das meine ich mit STARK sein!

    (c) Sabina Boddem

    Antworten

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.